Gerald Pärtan, nach einer Idee von Azadeh Hojreh

Einleitung

Als Angehöriger der Generation „Boomer“ reagiere ich von Haus aus nicht besonders enthusiastisch, wenn ich auf eine Mail in meinem Postfach stoße, die von ChatGPT zu stammen behauptet.

Das elektronische Postfach, aus dem diese Mail um meine Aufmerksamkeit heischte, war Teil meiner kleinen persönlichen Kampagne für eine europäische Datensouveränität, in Form des Mailprogramm eines europäischen Anbieters, welches ich auf einem ebenfalls neu erworbenen Linux-Computer installiert hatte. Man sagt diesem Gegenprogramm zu Windows & Co nach, dass es wesentlich weniger anfällig für Spam- oder Phishing-Mails sei. Deshalb war ich wohl gewillt, die Nachricht anzuschauen, statt sie gleich in den Spamordner zu löschen.

„Interview-Anfrage Guido Holzknecht“ stand dort. Das überraschte mich einigermaßen. Keine potenzsteigernden Substanzen, keine Erbschaftlottogewinne oder Darmreinigungsmethoden wurden angepriesen, sondern ein Thema, das wohl nur Eingeweihten etwas sagt. Professor Guido Holzknecht, der österreichische Pionier der Radiologie?

Der Einstieg

Ich klickte vertrauensselig auf den mitgelieferten Link, und ein mir bis dahin unbekanntes Videoprogramm öffnete sich. Mir blickte ein etwa sechzigjähriger Mann entgegen. Seine Miene schien eher streng, dazu mischte sich aber auch ein angedeutetes amüsiertes Lächeln. Er hatte ein schlankes Gesicht, dunkle, seitengescheitelte Haare und leicht froschartige, dunkle Augen. Für mich auffallend war sein Oberlippenbart, der von einer feinen unbehaarten Linie in zwei Hälften geteilt war. Er trug ein Sakko, ein weißes Hemd und eine schmale, dunkle Krawatte.

Herr Professor Holzknecht?!“ stammelte ich, ohne darauf zu achten, ob der Lautsprecher meines neuen Computers überhaupt funktionierte. Er tat es, und offenbar meine Webcam auch.

„Sehr wohl. Und mit wem habe ich die Ehre?“

 „Ähm…Dr. Gerald Pärtan, Radiologe aus Wien“, antwortete ich, und setzte nach: „Ich habe da auf meinem Computer interessanterweise eine Interviewanfrage mit Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, empfangen, und bin gerade etwas verwirrt. Wenn ich mir die Frage erlauben darf: Sie haben doch vor 95 Jahren leider diese Welt verlassen. Entweder halluziniere ich oder bin gerade in eine Situation geworfen, die sich die Menschheit schon lange gewünscht hat, nämlich mit Verstorbenen Kontakt aufzunehmen. Oder Sie sind einfach ein geschickt gemachtes Produkt der künstlichen Intelligenz – bitte verzeihen Sie mir diese despektierliche Hypothese!“

„Nun, Herr Kollege,“ antwortete Holzknecht. „Seien Sie unbesorgt, wir da drüben haben auch so unsere Entwicklungen, und es gefällt uns, unser ewiges Dasein mit der zeitweisen Verwirrung unserer Nachwelt etwas aufzulockern. Dieses unser Gespräch löscht sich übrigens nach einigen Stunden von selbst aus Ihrem Gehirn.“

Das Gespräch

„O.k., äh, ich meine, nun gut, Herr Professor, wie geht es Ihnen denn jetzt?“

Er hob als Antwort seine verstümmelten Arme ins Blickfeld, an denen links einige Fingerglieder und rechts sogar die ganze Hamd fehlten, und setzte nach: „Nun, die quälen mich jetzt nicht mehr, ich kann also nicht klagen.“

„Verzeihen Sie, statt Sie mit solchen Intimitäten zu belästigen, möchte Ich Ihnen lieber die allgemeine Frage stellen, was hat Sie damals angetrieben, was hat Ihre so vielfältigen Tätigkeiten befeuert?“

 „Nach meiner ehrlich gesagt nur mit Mühe bestandenen Matura habe ich Medizin studiert, ohne genauere Vorstellungen über meine konkrete Zukunft. Die Entdeckung der Röntgenstrahlen war ein Weckruf. Für mich war klar, dass damit etwas geradezu Unerhörtes geschaffen war, dass unsere Möglichkeiten für die Therapie, mehr noch aber die Diagnostik von Krankheiten explosionsartig erweitert wurden. Die Patienten anzusehen, abzutasten, zu perkutieren, und letzten Endes den Schilderungen ihres Leidens zuzuhören, hatten wir über Jahrzehnte und Jahrhunderte perfektioniert. Durch die Oberfläche ihres Körpers in tiefere Strukturen hineinzusehen, eröffnete aber eine neue Dimension. Auch wenn Wien sofort nach der Entdeckung führend in der Anwendung dieses neuen Verfahrens war, stellte ich fest, dass so vieles noch unbekannt war. Wir konnten im Vorhinein kaum abschätzen, wie lange die erforderliche Belichtungszeit für eine bestimmte Aufnahme sein musste. Im Gegensatz zu Medikamenten, welche wir ja schon lange exakt zu dosieren wussten, hatten wir bei den X-Strahlen keine Ahnung. Und gleichzeitig wollte jede der Kliniken für sich dieses prestigeträchtige Verfahren anwenden.“

„Und deshalb wollten Sie eine spezialisierte Klinik für die Röntgendiagnostik schaffen.“

„Genau das. Es war mir und meinem Mitstreiter Robert Kienböck klar, dass man die Röntgendiagnostik nicht nebenher betreiben konnte. Weniger klar war das dem Kollegium, in welchem die dort vertretenen Fächer einen Machtverlust fürchteten“.

„Wir wissen heute,“ entgegnete ich, „wie schwierig der Kampf um eine eigene Klinik, einen eigenen Lehrstuhl für Sie war. Gerade auch deshalb hat die Österreichische Röntgengesellschaft Ihnen ein Denkmal ganz nahe Ihrer Wirkungsstätte errichten lassen.“

„Das freut mich freilich sehr,“ antwortete Holzknecht. „Doch, abgesehen von der Ehrung meiner Person: Wie hat sich die Anwendung der X-Strahlen weiterentwickelt?“

„Einerseits außerordentlich“ konnte ich ihm versichern. Ich schilderte ihm die Entwicklung der bereits zu seiner Zeit versuchten Kontrastmitteluntersuchungen hin zur Angiographie inklusive vaskulärer Interventionen, die Entwicklung der konventionellen sowie der Computertomographie, der aus dem Echolot hervorgegangenen Sonographie sowie der Magnetresonanztomographie.

 „Und wer betreibt diese Fülle an Methoden?“ fragte er.

„Aus der Röntgenkunde hat sich die diagnostische und interventionelle Radiologie entwickelt, und diese ist – zumindest in den Ländern mit hohem und mittlerem Wohlstand – zu einem äußerst vielfältigen medizinischen Fach geworden, ohne das kaum eine Behandlung mehr denkbar ist. Die Radiologie ist heutzutage ein riesiger Verschiebebahnhof, der Patientinnen und Patienten (ja, Herr Professor, das weibliche Geschlecht berücksichtigen wir heute auch in der Sprache deutlicher!) quasi auf die richtige therapeutische Schiene bringt.“
Holzknechts Miene erhellte sich. „Das heißt, wenn ich so sagen darf, ich und meine Mitstreiter haben den Kampf um ein eigenes Fach gewonnen?!“

„Weitgehend ja“, erwiderte ich. „Aber die Begehrlichkeiten der anderen Fächer halten an. Wenn Sie viel Zeit haben, Herr Professor, schildere ich Ihnen, was wir heute alles tun und was für Probleme sich ergeben.“

„Tja, ICH habe unbegrenzt Zeit – Sie auch?“, erwiderte er lächelnd.

„Wie in den Anfangszeiten der Radiologie, so wollen viele Fächer die Untersuchungen am liebsten selbst durchführen“, fuhr ich fort. „Die Sonographie wurde übrigens von Gynäkologen in die Medizin eingeführt, und dementsprechend führen diese auch ihre fachspezifischen Ultraschalluntersuchungen selbst durch. Auch werden Herz-Ultraschalluntersuchungen sowie Angiographie und Aufdehnung der Koronargefäße von der Kardiologie durchgeführt. Sonst blieb in den letzten Jahrzehnten das meiste in der Hand der Radiologie, letztlich auch, weil nur die Radiologie die meisten radiologischen Untersuchungen mit der Krankenkasse abrechnen darf.“

Ganz so rosig ist die Situation aber nicht

„Da ist Ihnen und Ihren Kollegen ja einiges gelungen“ lobte Holzknecht.
„Na  ja,“ entgegnete ich. „Gerade in den letzten Jahren tauchen da doch einige Probleme auf.
Erstens wird durch strenge Zugansprüfungen zum Medizinstudium nur mehr exakt jene Zahl an Mediziner:innen ausgebildet, wie rechnerisch in Österreich benötigt. Einige davon gehen aber ins Ausland, einige in die Pharmaindustrie und in die Verwaltung, und um den Rest balgen sich die verschiedenen Fächer.“

„Und die Strahlenbelastung ist sicher auch ein Grund, der viele Ärzte von einer Laufbahn in der Röntgenkunde abhält?“ fragte Holzknecht.

„Das allerding ist kein vorrangiges Problem mehr. Die Strahlenschäden, an denen Sie geradezu märtyrerhaft gelitten haben, Herr Professor, konnten diese beim Personal nahezu vollständig eliminiert werden. Einerseits durch Schutzmaßnahmen – strahlenexponiertes Personal trägt Strahlenschutzkleidung, ihre Körperdosis wird kontinuierlich mit Dosimetern erfasst -, andererseits ist die Strahlendosis einer Röntgenuntersuchung insbesondere aufgrund der Weiterentwicklung der Detektorsysteme im Vergleich zu Ihrer Zeit um ein Vielhundertfaches vermindert worden. Bei den Patientinnen und Patienten kommen akute Schäden nur mehr bei mangelhaft durchgeführten Untersuchungen und Interventionen mit besonders langer Durchleuchtungszeit vor. Was allerdings bleibt, ist ein geringes, in der Größenordnung von Promille bis Promille-Bruchteilen pro Untersuchung gelegenes, Jahre bis Jahrzehnte nach der Exposition zum Tragen kommendes Krebsrisiko. Dieses ist aber aufgrund der steigenden Menge an Untersuchungen nicht ganz vernachlässigbar.“

„Und sonst?“ fragte Holzknecht.
„Die Radiologie ist nicht mehr das Fach mit der besten work-life-Balance, wie das heute genannt wird. Radiolog:innen werden zumindest in den Spitälern 7 Tage der Woche, 24 Stunden ununterbrochen benötigt. Die damit verbundenen Nacht- und Wochenenddienste sind anstrengend, und deshalb findet sich vielerorts nicht genügend Nachwuchs. Deshalb überlässt die Radiologie schon seit Langem manche Aufgaben anderen Fächern. Wie die Befundung von Unfallröntgen oder Bestrahlungsplanungs-CTs.

Dazu kommt der Spardruck bei den öffentlichen Spitälern. Ein teures CT- oder MRT-Gerät ist leichter zu finanzieren als das für ihren Betrieb notwendige radiologische Personal. Deshalb werden zunehmend solche prestigeträchtigen Geräte auf Veranlassung anderer Fächer beschafft und dann von irgendwem irgendwie betrieben, ganz wie zu Ihren Zeiten, Herr Professor Holzknecht.

Dennoch sind in Österreich, das nach dem zweiten Weltkrieg – den zu erleben Ihnen erspart geblieben ist – wieder ziemlich genau jenes kleine Land geblieben ist wie nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie, knapp 1600 Radiolog:innen sowie etwa 4500 Radiologietechnolog:innen tätig. Letzteres ist die heutige Bezeichnung für jene Berufe, die Sie „Röntgenschwestern“ nennen“. Wie bereits zu Ihrer Zeit werden radiologische Untersuchungen aber nicht nur in Spitälern, sondern auch in privaten Ordinationen und Instituten geleistet, wobei die seit Ihrer Zeit stark ausgebauten Krankenkassen den Großteil der Kosten übernehmen. Die dort durchgeführten CT- und MRT- Untersuchungen haben sich alleine in den letzten 10 Jahren nahezu verdoppelt.“

„Wenn um die radiologischen Untersuchungen ein derartiges G´riss ist und so viel untersucht wird – sind die Menschen dadurch jetzt gesünder, leben sie länger?“

„Seit 1900 hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung in Österreich nahezu verdoppelt. Das ist aber hauptsächlich durch den allgemein gesteigerten Wohlstand, durch die Verringerung der Säuglingssterblichkeit, der erfolgreichen Bekämpfung von Infektionskrankheiten, insbesondere auch der TBC zurückzuführen. Natürlich haben sich auch die Behandlungsmöglichkeiten von Herz-Kreislauferkrankungen, zum Teil auch Krebserkrankungen verbessert. Die Entwicklung der Diagnostik trägt einen nicht unwesentlichen, aber doch kleineren Teil dazu bei“ antwortete ich.

„Na, das hat sich aber eindrucksvoll entwickelt“, entgegnete Holzknecht, und setzte mit einem leicht ironischen Unterton nach: „Und wer liest all diese Befunde, wer behandelt die Patienten danach, und haben diese überhaupt Zeit, neben ihrem Broterwerb so oft zum Arzt zu gehen?“
„Das ist tatsächlich gar nicht so leicht zu beantworten“,
räumte ich ein. „Einerseits arbeiten die Menschen im Schnitt etwas kürzer als vor 95 Jahren und haben auch bezahlten Krankenstand, wodurch ein Arztbesuch keine existentielle Bedrohung darstellt. Andererseits führen wir heute sehr wohl viele Untersuchungen mit fragwürdigem Nutzen durch. Viele Menschen z.B., die an Kreuzschmerzen leiden, unterziehen sich jetzt einer MRT, die auch kleinste Veränderungen an der Wirbelsäule wesentlich klarer zeigen, als das mit dem Röntgen möglich wäre, aber die Behandlung ist sehr ähnlich wie zu Ihren Zeiten, man verabreicht Schmerzmittel, und – nein, das ist vielleicht neu, gymnastische Übungen, unter Anleitung von Physiotherapeut:innen. Dadurch kommt es zu wochenlangen Wartezeiten auf viele derartige Untersuchungen, und es ist für jene Menschen, die aufgrund einer schweren Erkrankung wirklich akut eine Untersuchung brauchen, oft gar nicht so einfach, rechtzeitig eine solche zu bekommen. Aber alle haben sich an die großartigen radiologischen Bilder gewöhnt. Dass das allerdings finanziell nicht zu unserem Schaden ist, können Sie sich ja denken, Herr Professor.“

Holzknecht runzelte die Stirn. „Zu meiner Zeit haben wir die Medizin noch aus Liebe zum Menschen studiert“ behauptete er.

„Ich weiß, wie intensiv und ohne Rücksicht auf Ihre eigene Gesundheit und eigentlich auch finanzielle Interessen Sie für die Weiterentwicklung der Radiologie geradezu gebrannt haben“, erwiderte ich. „Selbst heute ist die Stellung der Radiologie an der Medizinischen Universität Wien nicht ganz frei von Stolpersteinen. So ist das Fach Radiologie im Studienplan als eigenständiges Fach verschwunden und wieder weitgehend auf verschiedene zuweisenden Fächer aufgeteilt.

Grundsätzlich muss man heute künftigen Ärztinnen und Ärzten schon einigermaßen attraktive Angebote machen, damit sie sich für eine Laufbahn in der Radiologie entscheiden. In manchen Weltgegenden – z.B. in Großbritannien – werden Röntgenuntersuchungen aufgrund eines Mangels an Radiolog:innen von Radiologietechnolog:innen nicht nur angefertigt, sondern auch befundet. Auch in Österreich ist gerade ein derartiger Lehrgang im Aufbau. Weiters gibt es Hoffnungen, dass Untersuchungen nicht mehr von Menschen, sondern von Computern – das sind Rechenmaschinen mit nahezu unendlich erweitertem Funktionsumfang, derzeit auch „künstliche Intelligenz“ genannt – befundet werden“.

„Großartig, und dann werden die Kranken auch von Roboter-Ärzten behandelt, und von Roboter-Schwestern gepflegt?“ ätzte er.

„In Japan sind erste Pflegeroboter im Einsatz, und was die künstliche Intelligenz betrifft, so befassen sich derzeit ca. 2/3 der publizierten wissenschaftlichen Arbeiten damit“ erklärte ich.

Holzknecht hat ein Problem mit uns

„Und wer schaut dann den Patienten in die Augen, hört ihnen zu, beantwortet ihre Fragen?“ Denn die Diagnose ist kein Selbstzweck, ohne Therapie ist sie sinnlos, und dazu gehört doch wohl noch immer die Zuwendung zum leidenden Patienten. Oder ist das heute bei Ihnen etwa nicht mehr so? Ich verrate Ihnen etwas, Herr Kollege: Ich selbst hätte ohne die Hilfe von Sigmund Freud – ist Ihnen dieser Schöpfer der Psychotherapie  überhaupt ein Begriff, Herr Kollege? – die letzten 20 Jahre meines Berufslebens gar nicht ertragen angesichts meiner gesundheitlichen Probleme, und so kann ich mir eine Medizin nicht ohne Gespräche mit den Patienten vorstellen, so großartig entwickelt die Maschinen auch sein mögen!“

„Na ja, vieles wird von den jüngeren, finanziell günstigeren Kolleg:innen erledigt. In den Ambulanzen sitzen engagierte Student:innen, die radiologischen Nachtdienste werden weltweit meist von Radiolog:innen in Ausbildung absolviert, denen die erfahrenen Kolleg:innen mit Rufbereitschaft zur Seite stehen, wenn es denn unbedingt sein muss. Dank unserer modernen Kommunikationstechnologien – zu der noch immer auch das Telefon gehört – ist es uns möglich, von zu Hause oder dem Golfplatz aus einiges zu erledigen, wofür wir früher vor Ort sein mussten“, schwärmte ich.

Seine Miene verdüsterte sich. „Dafür habe ich aber nicht meine Finger amputieren lassen, damit die nachfolgenden Generationen andere für sich arbeiten lassen!“ knurrte er.

„Aber, Herr Professor…“ setzte ich an, etwas Besänftigendes herauszubringen.

„Sparen Sie sich dieses „Herr Professor“, äffte er. „Ich weiß nicht, ob ich mir das jetzt noch länger anhören möchte, wie Ihr derart den Weg des geringsten Widerstandes geht! Ich denke, dieses Gespräch führt zu nichts. Habe die Ehre! rief er, und der Bildschirm verlöschte. Holzknecht war weg.

Na ja, er war seinerzeit als schwieriger Mensch bekannt, und er ist in einem Alter gestorben, dem man schon ein gewisses Maß an Inflexibilität und Technologieverweigerung zuschreiben kann. Sei´s drum, wir ehren sein Andenken.

Und dann fiel mir ein, dass ich diesen doch recht sensationellen Kontakt mit der Vergangenheit gar nicht dokumentiert hatte. Ich suchte im Dateiverzeichnis, ließ mein KI-Tool drüber laufen. Doch mir wurde nur beschieden „kein Ergebnis“. Verdammt, das hätte sich eigentlich gut gemacht auf meinem Instagram- und LinkedIn-Account, und wäre auch vielleicht ganz gut zu monetarisieren gewesen. Na ja, man muss auch scheitern können, wie mein Großvater zu sagen pflegte. Aber dann fiel mir weiter ein, dass meine Kollegin Azadeh Hojreh, an der ich nicht nur ihre kinderradiologische Expertise, sondern auch ihren pessimistischen Scharfsinn überaus schätze, immer wieder angesichts mancher Zustände in der Radiologie zu sagen pflegt: „Holzknecht würde sich im Grab umdrehen“. Gesagt, getan, ich rief sie an. Sie ermunterte mich, dieses Gespräch niederzuschreiben, was hiermit geschehen ist.

Infokasten: Guido Holzknecht

Guido Holzknecht wurde 1872 in Wien geboren. Er besuchte das Benediktinergymnasium in Seitenstetten (NÖ) und studierte nach der Matura Medizin an den Universitäten Straßburg, Königsberg (damals Ostpreußen) und Wien, promovierte 1899. Als Student erlebte er die Entdeckung der Röntgenstrahlen mit, da sein Lehrer Prof. Lichtheim in Königsberg in enger Verbindung zu Conrad W. Röntgen stand. Noch vor seiner Promotion hielt er vor der Gesellschaft der Ärzte in Wien eine Demonstration ab. Nach der Promotion arbeitete er wie schon im Studium an der Klinik Prof. Nothnagels. Unter dessen Leitung entstand eine eigene Röntgenstation. 1901 veröffentlichte er ein bahnbrechendes Lehrbuch zur Röntgenuntersuchung der Brusteingeweide. 1902 wurde Holzknecht zum Vorstand am neu errichteten Zentral-Röntgeninstitut im Allgemeinen Krankenhaus ernannt. Diese Institution entwickelte sich zu einer ärztlichen Schule der Röntgenologie von Weltrang. Holzknecht und sein für die Radiologie ebenso bedeutender Kollege und Freund, Robert Kienböck bemühten sich intensiv um die Anerkennung der Radiologie als eigenes medizinisches Fach. Nach anfänglichem Widerstand des Professorenkollegiums wurde beiden 1904 – kurz nach der erstmaligen Verleihung an den gegenüber Holzknecht und Kienböck etwas älteren Pionier der Strahlentherapie, Leopold Freund –  die Venia legendi für medizinische Radiologie verliehen.

Holzknecht entwickelte u.a. die ersten Strahlenmessgeräte und gründete die erste Schule für den radiologisch-technischen Dienst. 1914 wurde er nach weiteren langen Bemühungen zum a.o. Professor und Primararzt im Allgemeinen Krankenhaus ernannt. 1917, wiederum nach heftigem Ringen mit der Fakultät, erhielt er die erste ordentliche Professur für Radiologie.
Sein Werk umfasst ca. 250 wissenschaftliche Arbeiten.

Schon früh hatte sich Guido Holzknecht im Zuge seiner unermüdlichen Tätigkeit im Strahlenfeld schwere Strahlenschäden zugezogen, welche eine viele Jahre dauernde Leidensgeschichte mit zahlreichen Operationen, darunter die Amputation der rechten Hand sowie schmerzhafte Thrombosen du Thrombophlebitiden zur Folge hatten, denen er schließlich als Opfer seines Berufes am 30.10.1931 erlag.

Neben der Aufstellung eines Denkmals im Arne Carlsson-Park in Wien Alsergrund,  bereits ein Jahr nach seinem Tode,  wurde er 1998 durch die Benennung eines der „Tore der Erinnerung“ am Campus der Universität Wien nach ihm,  geehrt (Holzknecht-Tor, Durchgang von Hof 7 zu Rotenhausgasse), und der Leitvortrag der ÖRG-Jahrestagung läuft unter dem Ehrentitel „Holzknecht Lecture“.

Literatur:
H.H. Ellegast, H.D.Kogelnik, W. Straser (Hg.): 100 Jahre medizinische Radiologie in Österreich. Festschrift der Österreichischen Röntgengesellschaft (ÖRG), unter Mitarbeit der Österreichischen Gesellschaft für Radioonkologie, Radiobiologie und Medizinische Radiophysik (ÖGRÖ), W. Maudrich Verlag Wien-München-Bern, 1995;

D. Angetter-Pfeiffer: Als die Dummheit die Forschung erschlug. Amalthea Verlag Wien 2023 https://www.oeaw.ac.at/news/dummheit-ist-die-schlechteste-medizin

 

Dr. Gerald Pärtan CV

Jahrgang 1959. Dr. med. univ. 1984 (Meduni Wien), Turnusausbildung 1985-1987.

1988-1991 radiologische Fachausbildung an der Poliklinik Wien. 1991 Wechsel an das – damals bis April 1992 noch im virtuellen Probebetrieb befindliche – Röntgeninstitut im neu errichteten Donauspital im SMZ Ost Wien unter Univ. Prof. Dr. Walter Hruby. 1994 Facharzt für Radiologie, 1995 Oberarzt. Seit 2001 Leitung des dortigen Bereiches Kinderradiologie.

Neben der nach seiner Pensionierung 2024 aktuell in Teilzeit-Wiederanstellung ausgeübten – klinischen Tätigkeit verfasste er 45 peer-reviewte Arbeiten als Erst- und Mitautor, mit Schwerpunkt auf den Gebieten digitale Radiologie, Strahlenschutz und Kinderradiologie.

2005-2006 war Dr. Pärtan Sekretär der ÖRG. Mitglied der AG Kinderradiologie, 2012–2014 Leiter der AG Digitale Radiographie und Durchleuchtung, Mitglied des Expertenkomitees zur Neuauflage der „Orientierungshilfe Radiologie“.

2023 Co-Präsident der 60. Jahrestagung der Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie in Wien. 2014-2023 Präsident des Verbands für medizinischen Strahlenschutz in Österreich (VMSÖ).

Er war bis 2024 federführend in der kinderradiologischen Ausbildung nicht nur der Kolleg:innen im eigenen Institut (Leitung seit 2018 Univ. Prof.  Dr. Helmut Ringl MBA), sondern auch für auswärtige KollegInnen in Form zweimonatiger Grundausbildungsrotationen, mit dem Ziel der Vermittlung basaler praktischer Fertigkeiten in diesen – in der späteren Modulausbildung oft wegfallenden – radiologischen Fachbereichen.

Priv.-Doz.in Dr.in Azadeh Hojreh CV

Azadeh Hojreh ©Leedina-Portraits

Leitende Oberärztin der Kinderradiologie
Klinische Abteilung für Allgemeine Radiologie und Kinderradiologie
Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin
Medizinische Universität Wien
Tel.:  +43 1 40400 48180
Tel.: +43 1 40400 39395
E-Mail: azadeh.hojreh@meduniwien.ac.at

    • 2002 Abschluss des Studiums Humanmedizin, medizinische Universität Wien (MUW)
    • 2009 Fachärztin für Radiologie, MUW
    • Seit 2015 leitende Oberärztin der Kinderradiologie der klinischen Abteilung für allgemeine Radiologie und Kinderradiologie, Univ.-Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin Wien
    • 2025 Habilitation im Fach Radiologie, MUW

    Universitäre Lehrtätigkeit MUW

    • Block16-Vorlesung: Kinderradiologie seit 2015
    • SSM2 Wahlpflichtfach: Radiologie mit ionisierenden und nicht ionisierenden Verfahren – Grundlagen, Demonstrationen, Fallpräsentationen und Schutz der Patient: innen und des Personals seit 2026
    • Betreuung von 10 Diplomarbeiten der MUW-Studierenden seit 2016

    International und Nationale Tätigkeiten

    • ORCID:0000-0002-4556-1931
    • Publikationen
    • Co-Autorin von „Schwangerschaft und Röntgenuntersuchungen. Ein Leitfaden für die radiologische Praxis“ Herausgeber: Bundesministerium für Gesundheit und Frauen. 2017
    • Co-Autorin von „Leitfaden für Röntgenaufnahmen bei Kindern“ Herausgeber: Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. 2023
    • Mitglied der Expertengruppe Diagnostische Referenzwerte Kinderradiologie seit 2024
    • 2023 Co-Präsidentin von 60. Jahrestagung der Gesellschaft für pädiatrische Radiologie in Wien
    • Vize-Präsidentin des Verbands für medizinischen Strahlenschutz in Österreich (VMSÖ)
    • VMSÖ-Kursleiterin für „Spezielle Ausbildung für diagnostische Anwendung von Röntgenstrahlen“, Ausbildung zu Strahlenschutzbeauftragten
    • Mitglied des Komitees “International Guideline for Imaging in Suspected Child Physical Abuse (IGISPA) Consensus Group – Visceral Imaging and Skeletal Imaging Subgroup” – PI Prof Amaka Offiah – University of Sheffield & Sheffield Children’s Hospital, UK
    • Mitglied der AG Kinderradiologie der ÖRG
    • Mitglied der Gesellschaft für pädiatrische Radiologie (GPR)
    • Mitglied der European Society ofPediatricRadiology (ESPR)
    • Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien
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