GESCHICHTE

Die Geschichte der Österreichischen Röntgengesellschaft

Vorläufergesellschaften


Die Wiener Gesellschaft für Röntgenkunde


1923 wurde die Wiener Gesellschaft für Röntgenkunde (WGR) gegründet, die erste Sitzung fand am 4.6.1923 statt, und zwar mit prominenten Teilnehmern wie Holzknecht, Haudek, Kienböck und anderen. G. Holzknecht fungierte 1923-1931 als Präsident der Gesellschaft. Somit wurde erst relativ spät der Entschluss zur Schaffung einer eigenen wissenschaftlichen Organisation gefasst, vorher existierten lediglich Mitgliedschaften österreichischer Röntgenologen bei der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG).
Die WGR wurde im Zuge des Einmarsches der Deutschen Truppen in Österreich aufgelöst.


Die Österreichische Gesellschaft für Röntgenkunde


Zwar fanden im April 1929 erste Vorbesprechungen zwischen Haudek und Palugyay, zwei prominenten Wiener Vertretern der Röntgenologie, statt, es wurde auch am 26.6.1929 eine erste Erwähnung im Zuge des in Wien stattfindenden Deutschen Röntgenkongresses dokumentiert, dann waren jedoch länger keine Spuren dieser geplanten österreichweiten Gesellschaft zu finden.


Erst am 14.6.1934 wurde die Gründung schließlich diskutiert und erste Grundsätze ausgearbeitet. Die konstituierende Sitzung fand am 8.12.1934 im Zentralröntgeninstitut des AKH Wien statt, der neu geborenen Gesellschaft wurde der Name „Österreichische Gesellschaft für Röntgenkunde“ gegeben, ihr erster Präsident war R. Kienböck zwischen 1935 und 1938.
Die junge Gesellschaft organisierte ihren ersten Kongress zwischen 4. und 8.9.1936, eine zweite kleinere Tagung fand am 10. und 11.7.1937 in Wien statt. Wie die WGR wurde sie jedoch durch den Anschluss an das Deutsche Reich im März 1938 aufgelöst.


Österreichische Röntgengesellschaft


Nach dem Krieg fand die erste konstituierende Vollversammlung am 30.11.1946 in der Wiener Poliklinik statt. Das Präsidentenamt übernahm K. Weiss, R. Kienböck fungierte als Ehrenpräsident.  In der Gesellschaft fanden sich in den Wirren der Nachkriegszeit anfangs nur Vertreter aus Wien, Vorarlberg und Salzburg, erst allmählich konnte Kontakt zu den Kollegen in den weiteren Bundesländern aufgebaut werden und die Gesellschaft konnte wachsen. Ursprünglich wurde ihr der Name „Österreichische Gesellschaft für Röntgenkunde und Strahlenforschung“ gegeben, der 1948 in „Österreichische Röntgengesellschaft, Gesellschaft für Röntgenkunde und Strahlenforschung“ geändert wurde.

 

Die österreichische Radiologie in der Nachkriegszeit war geprägt von der Emigration prominenter Exponenten des Faches, die auf der Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime in die USA oder nach Australien ausgewandert waren. Als Zeugnis davon wurden herausragende Vertreter wie G. Schwarz (New York) und A. Schüller (Melbourne) Ehrenmitglieder.
Wie schon erwähnt, gab es initial Probleme der Kontaktaufnahme und regelmäßigen Kommunikation mit Kollegen aus den Bundesländern, weswegen Gastaufträgen forciert wurden. Probleme gab es aber auch durch die  noch mangelnde Ausbildung von RöntgenassistentInnen, und auch eine mangelhafte gesundheitliche Vorsorge für im Strahlenbereich Tätige, die in der Anfangsphase der Röntgendiagnostik und –therapie teilweise extreme Strahlenschäden davontrugen. Die ÖRG bemühte sich intensiv um Verbesserungen dieser Situationen.

 

Von 28.-30.10.1948 wurde die 3. Tagung der ÖRG, die erste nach Wiederbegründung der Gesellschaft, in Wien abgehalten, in diesem Jahr erschien auch ein erster Band einer neu begründeten Röntgenzeitschrift, der sogenannten „Radiologia Austriaca“, welche bis 1968 geführt und aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde. Ihr folgten Zeitschriften wie „Jatros Radiologie“ und auch die heutigen „ÖRG News“ als eher internes Kommunikationsmedium nach. Seit 1.1.1976 ist die Zeitschrift „Fortschritte auf dem Gebiet der Röntgenstrahlen („RöFo“) das offizielle Organ der ÖRG.

 

1951 wurde die Bundesfachgruppe für Röntgenologie der Österreichischen Ärztekammer als Standesvertretung gegründet.
Der erste Zielkatalog für die Facharztausbildung wurde unter der Redaktion von H. Pokieser 1982 ausgearbeitet, und 1989 fasste die Gesellschaft den Beschluss der Einrichtung einer Facharztprüfung, die vorerst noch freiwillig abzulegen war, mittlerweile als Instrument zur Qualitätssicherung in der Medizin jedoch verpflichtend bis zum Ende der Facharztsausbildung zu absolvieren ist.

 

Initial war unter dem Dach der Österreichischen Röntgengesellschaft auch die therapeutische Radiologie oder später Radioonkologie zu finden, die sich ab 1984 in der ÖGRO organisierte. Die Fächer drifteten allmählich auseinander, bis in die frühen 1990er-Jahre waren die diagnostische und die therapeutische Radiologie jedoch noch in der ÖRG vereint. Letzendlich strebte auch die Gesellschaft für Nuklearmedizin ein eigenes Sonderfach an.



Präsidenten der ÖRG:

Prof. Dr. Konrad Weiss  1946-1950
Prof. Dr. Erich Zdansky   1950-1952
Prof. Dr. Anton Leb 1952-1954
Prof. Dr. Ernst Ruckensteiner 1954-1956
Prof. Dr. Ernst Georg Mayer  1956-1958
Doz. Dr. Andreas Frank 1958-1960
Prim. Dr. Rudolf Pohl 1960-1962
Prim. Dr. Fritz Melnizky 1962-1964
Prof. Dr. Ludwig Psenner 1964-1966
Prof. Dr. Erich Vogler 1966-1968
Prof. Dr. Bruno Thurnher 1968-1970
MR Dr. Otto Wichtl 1970-1972
Prof. Dr. Helmuth H. Ellegast 1972-1974
Prof. Dr. Ludwig Psenner 1974-1977
Prof. Dr. Karl H. Kärcher  1977-1980
Prof. Dr. Ernst Kahr  1980-1983
Prof. Dr. Ernst Kotscher 1983-1984
Prof. Dr. Konrad Brezina 1984-1986
Prof. Dr. Konrad Brezina 1986-1989
Prof. Dr. Herbert Pokieser 1989-1992
Prof. Dr. Erich Schreyer 1992-1995
Prof. Dr. Erich Schreyer 1995-1998
Prof. Dr. Heinz Czembirek 1998-2001
Prof. Dr. Heinz Czembirek 2001-2004
Prof. Dr. Herwig Imhof 2004-2006
Prof. Dr. Gerhard Mostbeck 2006-2008
Prof. Dr. Walter Hruby 2008-2010
Prof. Dr. Dimiter Tscholakoff 2010-2012
Prof. Dr. Werner Jaschke 2012-



Ehrenpräsidenten der ÖRG:

Prof. Dr. Robert Kienböck 1946-1953
Prof. Dr. Konrad Weiss 1965-1976
Prof. Dr. Ludwig Psenner 1977-1986
Prof. Dr. Konrad Brezina 1992-1999



Kongresse der ÖRG:

I.

1936 Wien

II. 1937 Wien
III. 1948 Wien
IV. 1950 Graz
V. 1952 Wien
VI. 1954 Innsbruck
VII. 1955 Graz
VIII. 1957 Wien
IX. 1961 Wien
X. 1964 Salzburg
XI. 1967 Graz
XII. 1970 Innsbruck
XIII. 1973 Wien (mit DRG)
XIV. 1976 Baden
XV. 1980 Linz
XVI. 1983 Innsbruck
XVII. 1987 Wien
XVIII. 1988 Graz
XIX. 1990 Karlsruhe (mit DRG)
XX. 1992 Villach
XXI. 1996 Innsbruck
XXII. 1999 Wien
XXIII. 2003 Klagenfurt
XXIV. 2006 Eisenstadt
XXV. 2010 Linz
XXVI. 2011 Hamburg (mit DRG)
XXVII. 2012 Graz
XXVIII 2013 Salzburg
XXIX 2014 Hamburg (mit DRG)



„Urgeschichte“ und Pioniere der Radiologie in Österreich


Bereits vor dem eigentlichen Gang an die Öffentlichkeit erschien am 5.1.1896 in der „Presse“ ein Artikel über eine „sensationelle Entdeckung von W.C. Röntgen“, die er mit Franz Exner kommunizierte. Der Startschuss für eine revolutionäre Entwicklung war gegeben, eine Entwicklung, die die Medizin grundlegend verändern sollte.


In Wien wurde 1896 bereits in der „K.u.K. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren“ von J.H. Eder und E. Valenta ein Atlas mit Tieraufnahmen angefertigt; v. Haschek und  Lindenthal gelang im selben Jahr das erste Angiographiebild, damals noch an der Hand eines Toten.
Immer noch im selben Jahr 1896 wurde an der II. Med. Universitätsklinik die erste Röntgenuntersuchungsstelle eingerichtet.

 

Ab 1903 war die Habilitation im Fach Medizinische Radiologie möglich, das Fach somit zugelassen. Die ersten Dozenten im neu entstandenen Fach waren Kienböck, Holzknecht und Freund, am 6.5.1904 wurden diese ersten Bestätigungen ausgehändigt.

 

Pioniere:


Gustav Kaiser (1871-1954)
Ihm gelang 1896 die Aufnahme einer Doppelzehe (mit 1 ½ - 2 Stunden Belichtungszeit). 1897 weilte G. Kaiser zu Studienzwecken bei Röntgen in Würzburg, in weiterer Folge hielt er „Studiengänge“ zur Fremdkörperlokalisation im Auge, Strahlentherapie, Neuerungen usw. ab.
Ihm gelang in seiner Schaffensperiode die Abgrenzung innerer Organe mit Bleisonden, Wismutkapseln oder Jodofromemulsionen; durch seine Arbeiten wurden die Konstruktion von Bleigummischürzen und der Trichterblende möglich. G. Kaiser selbst hatte aufgrund des noch geringen Wissens über die neu entdeckten Strahlen ausgeprägte Strahlenschäden an den Händen und verlor mehrere Finger und die rechte Mittelhand. Kaiser blieb trotz seiner herausragenden Pionierleistungen zeitlebens eher im Hintergrund.

 


Guido Holzknecht (1872-1931)

Bereits als Student lieferte Holzknecht die Demonstration „Ein neues radioskopisches Symptom bei Bronchialstenose und Methodisches“ ab, dies war nur der Beginn von mehr als 250 bahnbrechender Publikationen. So publizierte er 1901 „Die röntgenologische Diagnostik der Erkrankung der Brusteingeweide“ mit pathoanatomischer und pathophysiologischer Konzeption oder 1918 „Röntgenologie. Eine Revision ihrer technischen und praktischen Methoden“ als Meilensteine seiner Schreibtätigkeit.
Er entwickelte eine erste brauchbare Durchleuchtungsmethode und führte die wissenschaftliche Dosismessung in die Röntgentherapie ein.
1914 wurde Holzknecht zum Primarius des Zentral-Röntgen-Laboratoriums im AKH bestellt, wo er (1920?) als Weiterentwicklung des Konzeptes das Röntgen-Department des Wiener Allgemeinen Krankenhauses gründete.
Holzknecht litt unter schweren Hautschäden an den Händen; vermutlich aufgrund seiner erhaltenen Strahlendosis blieb seine Ehe kinderlos, folgliche psychische Probleme sind überliefert. Mehrere immer wieder aufflammende Krebsleiden verminderten seine Lebensspanne erheblich, er starb 1931 an einer Mesenterialvenenthrombose.

 


Robert Kienböck (1871-1953)

R. Kienböck wurde durch seine diagnostischen Arbeiten über gesunde und kranke Wirbelsäule, akute Knochenatrophie bei Entzündungen und Knochenresorption und somit als Vorreiter der Osteoradiologie bekannt. 1910 gelang ihm die Beschreibung der Lunatummalazie, die M. Kienböck getauft wurde. Nach einem Reitunfall mit offenem Schädelbasisbruch 1910 zog er sich eine Weile aus der Öffentlichkeit zurück, später verfasste er Arbeiten über Knochen- und Gelenkserkrankungen.
Weiters betrieb er Forschungen auf dem Gebiet der biologischen Wirkung der Röntgenstrahlen, vor allem der Hautveränderungen, die die frühen Radiologen besonders früh bereits beeinträchtigten, konstruierte 1903 ein Quantimeter zur Messung der Oberflächendosis und somit Abschätzung der Tiefenwirkung und gab 1907 ein Lehrbuch der Radiotherapie heraus.
Daneben errichtete er 1904 die zentrale Röntgenabteilung der Wiener Poliklinik als erste gesonderte radiologische Abteilung.

 


Leopold Freund (1868-1943)

1904 habilitierte sich L. Freund als erster zusammen mit Holzknecht und Kienböck in Medizinischer Radiologie. Er gilt als Begründer der klinischen Strahlentherapie und schaffte Anstöße für radiobiologisches Denken und Analysen der Wirkung der ionisierenden Strahlen. Seine Bestrahlungskonzepte gelten als bereits frühe Anwendung der fraktionierten Bestrahlung.
Besonders bekannt ist ein radiotherapeutischer Versuch bei einem Mädchen mit großem Tierfellnaevus auf dem Rücken 1896, der auch partiell erfolgreich war. In Zusammenarbeit mit Schiff, Hebra und Kaposi, durchwegs Dermatologen, legte er den Grundstein der Strahlentherapie. Freund hatte allerdings noch andere Vorstellung von Wirkung der Strahlen, indem er elektrische Entladungen als Ursache für Wirkung vermutete.
Als ein zentrales Werk gilt der 1903 verfasste „Grundriß der gesamten Radiotherapie für praktische Ärzte“.

 


Gottwald Schwarz (1880-1959)

Aufgrund seiner Arbeiten gilt G. Schwarz als Verfechter der fraktionierten Bestrahlung, er erkannte die unterschiedliche Strahlenempfindlichkeit von Zellgruppen je nach Phase im Zellzyklus, auch heute noch ein essentielles Prinzip in der Bestrahlungsplanung. Weiters ist er Begründer des „therapeutischen Verhältnisses“ in der Strahlentherapie und entdeckte den Sauerstoffeffektes in der Strahlenbiologie, auch dies sind heute noch gültige und angewendete Methoden.
Auf der diagnostischen Schiene entwickelte er die Röntgenuntersuchung des Kolons mit Barium.
Ab 1909 war G. Schwarz Leiter des Röntgeninstitutes der 1. Medizinischen Universitätsklinik in Wien, 1920 Vorstand der Röntgenstation im Kaiserin-Elisabeth-Spital in Wien.
Wie viele weitere prominente Radiologen musste Schwarz aufgrund seiner jüdischen Abstammung 1940 in die USA emigrieren.